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Brüder, zur Sonne, zur Freiheit - das meistgesungene Lied der Arbeiterbewegung - bleibt mit seiner Hoffnung auf eine bessere Welt ein wohl nie einlösbares Versprechen. Es ist die Hymne von unerschütterlichen Gutmenschen, die vor dem Weltwahnsinn die Augen schließen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Während hier 50.000 selbstverliebte Volkshelden vergnügt gegen Atomkaft und Stuttgart 21 demonstrieren, vegetieren weltweit 1 Milliarde Menschen in Slums, - sind mehr als 35 Millionen Menschen auf der Flucht, - müssen215 Millionen Kinder unter unwürdigsten Bedingungen arbeiten, - werden in Afrika 3 Millionen Mädchen an ihren Genitalien beschnitten - versinkt Haiti mit seinen 9 Millionen Einwohnern in einem Teufelskreis aus Armut, Korruption und Abhängigkeit, - sterben im "Afrikanischen Weltkrieg" 3 Millionen und in den religiös-ethnischen Sudankriegen 2 Millionen Menschen, - werden in nordkoreanischen Gulags 1, 5 Millionen Inhaftierte gefoltert und Giftgas-Experimenten unterzogen (> 1, 2, 3, 4, 5) - fließt an Pakistan eine Milliarde Dollar Militärhilfe (2009) während für die sechs Millionen Kinder die durch die Flutkatastrophe ihre Eltern verloren haben gerade mal 150 Millionen bereitstehen (zum Vergleich: die Baukosten der Hamburger Elbphilharmonie betragen derzeit 323 Millionen Euro) - werden über 1 Million Burmesen aus ihrer Heimat vertrieben, - wirft der weltweite Menschenhandel fast 32 Milliarden Dollar Gewinn ab (davon 28 Milliarden durch sexuelle Ausbeutung) - fristen in den Banlieues von Paris 4 Millionen "cas socs" ein Leben in Gewaltexzessen und Hoffnungslosigkeit , sind 32 Millionen Amerikaner auf Lebensmittelmarken angewiesen - ist die italienische Mafia (> 1, 2, 3, 4) mit 90 Milliarden Euro Umsatz (also etwa das Doppelte des Fiatkonzerns) das größte Unternehmen Italiens , - hat die russische Mafia (> 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9) das halbe EG-Land - Bulgarien - in seiner Kontrolle, - und werden jedes Jahr 120.000 Mädchen und Frauen nach Westeuropa verschleppt und zur Prostitution gezwungen. Die Meldung das im Kongo täglich systematisch Massenvergewaltigungen stattfinden und in Ostafrika 12 Millionen Menschen auf der Flucht vor der Dürre sind, ist den sozialversicherten Bahnhofs- und Atomrebellen in Stuttgart und Berlin allerdings keine lustige Demo wert. Nur Allah und der liebe Gott schauen ungerührt zu, wie sich ihre Geschöpfe abseits der atomar befeuerten Loveparades gegenseitig massakrieren und versklaven. Mental etwas hellere Agnostiker versuchen es mit positiver Autosuggestion und pflanzen täglich ein Apfelbäumchen. Dabei genügt schon ein einfacher Taschenrechner um nachzuweisen, das nur den Wenigsten jemals Brüderlichkeit und "Sonne und Freiheit" zuteil wird: Eine 4-köpfige deutsche Familie, 140 qm Eigenheim, 1 PKW, 2 mal Urlaub, 80 Tausend Euro Jahreseinkommen – multipliziert mit der Anzahl der Menschen auf diesem Planeten macht: 1,75 Milliarden Autos, Kühlschränke, Multimediabildschirme und eine Verzehnfachung von Flugzeugen, Atomkraftwerken, Autobahnkilometern usw. Trotz Erfüllung der Kyoto-Auflagen liegt die EU bei den CO2-Emissionen pro Kopf immer noch 84 Prozent über dem Weltdurchschnitt und - weitaus gravierender - summieren sich die wirtschaftlichen Verluste durch die Vernichtung der Ökosysteme auf Billionenhöhe. Gottes genial konstruierte "Krönung der Schöpfung" steht möglicherweise vor dem Kollaps, aber die schlichte Wahrheit ist im Kopf einfach nicht auszuhalten. Zu hoffen, man könne 7 Milliarden Menschen und 600 Millionen Megastadtbewohnern mit ökologischem Landbau, kommunalen Fahrradverleihstationen und einem Sonnenkollektor auf dem Dach eine glückliche Existenz sichern, zeugt nicht nur von völliger Ahnungslosigkeit in wirtschaftlichen, technischen und sozialgeschichtlichen Zusammenhängen, sondern auch von einer grandios überheblichen Realitätsverweigerung. Am Ende reduziert sich die Rettung des Planeten auf das gewissensbereinigende Wahl-Kreuzchen bei den "Grünen" und den Buchabsatz von schriftstellernden Bionade-Promis. Und für das Seelenheil zuhause hält man für die im Pflegeheim an Einsamkeit verreckende Mutter und den am burnout leidenden Freund die bewährte Kalenderweisheit bereit: "Letztlich ist eben jeder selbst seines Glückes Schmied!"

... just my five cents ...


Rund 370.000 Nichtregierungsorganisationen gibt es weltweit, und ein Großteil davon ist in irgendeiner Form in Hilfsprojekten engagiert. Wie viel Geld in dieser Industrie umgesetzt wird, entzieht sich in Ermangelung einer zentralen Koordinierung jeder Kenntnis. Die Zahlen schwanken je nach Quelle zwischen 100 und 150 Milliarden Dollar jährlich. (...) Die "Mitleidsindustrie“ ist längst zu einer Industrie geworden wie jede andere auch, in der es um Akquise geht und der Wettbewerb über Verdrängung läuft. Auf die gegenwärtige Lebensmittelkrise in Somalia übertragen sieht das so aus: Ein Generalunternehmen – entweder das Welternährungsprogramm (WFP) oder das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) – baut ein Flüchtlingslager und verpflichtet für dessen Bewirtschaftung andere Hilfsorganisationen als Subunternehmer. Diese buhlen um solche Aufträge, weil sie ihnen Medienpräsenz sichern, was wiederum Spenden generiert. Im größten Flüchtlingslager der Welt, dem Lager von Dadaab in Kenia, das vom UNHCR gemanagt wird, sind gegenwärtig mehr als 20 Hilfsorganisationen tätig, die wiederum nicht selten lokale Organisationen verpflichten, um die eigentliche Arbeit zu tun. Diese Praxis geht soweit, dass ein einziges Hilfsprojekt bis zu sieben Mal delegiert wird, wobei jedes Mal Gebühren einbehalten werden. Das führt im Extremfall dazu, dass von der ursprünglich vorgesehen Summe bestenfalls 10 bis 20 Prozent tatsächlich ankommen.

Sehr lesenswert: Thomas Scheen: Vom Hilfsgeld kommt kaum etwas an / F.A.Z Printausgabe vom 29.07.2011


Die niederländische Autorin Linda Polman hat beim Blick hinter die Kulissen internationaler Hilfsorganisationen festgestellt, das Entwicklungshilfe nicht immer weitsichtig ist. Sie wirft der "modernen Hilfsindustrie" vor, mehrfach wiederholt zu haben, was die Genfer Organisation später einen "tragischen Fehler" nannte. Sie habe als "unfreiwilliger Kollaborateur" von Diktatoren oder Rebellenhäuptlingen agiert, ob in Äthiopien 1984 oder in Darfur in unseren Tagen. Ihr Buch ist in ihrer Heimat unter dem Titel "Die Krisenkarawane" erschienen. Die englische Ausgabe trägt den Titel "War Games", also: Kriegsspiele. Es geht um eine Branche, in der sich weltweit 37.000 Organisationen tummeln, weil, wie Linda Polman schreibt, "jeder seinen Laden aufmachen kann". An manchen Krisenschauplätzen sind es bis zu 1000 Hilfswerke, die um Geld und Aufträge konkurrieren. Denn sie sind es, die den Job für die Geberstaaten machen. So ging es im Jahr 2008 um 11,2 Milliarden Dollar staatliche Nothilfe. Extrageld wie nach dem Tsunami oder für Militär-Hilfe in Frontstaaten des "Kriegs gegen den Terror" ist in diesen Jahresbudgets noch gar nicht mitgerechnet. Ganz zu schweigen von Hunderten Millionen an Privatspenden. "Nehmen wir einmal an, es ist 1943. Sie sind Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation. Das Telefon klingelt. Es sind die Nazis. Sie dürfen Hilfsgüter in ein Konzentrationslager bringen, aber die Lagerverwaltung darf bestimmen, wie viel davon ans eigene Personal und wie viel an die Gefangenen geht. Was tun Sie?" - Wer das für eine absurde Frage hält, sollte weiterlesen:

Linda Polman: "Die Mitleidsindustrie"


siehe auch: Der Freitag: Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen


Der Historiker Sönke Neitzel und der Sozialpsychologe Harald Welzer haben eine ebenso niederschmetternde wie aufschlussreiche Untersuchung über menschliche Abgründe veröffentlicht. Unter dem Titel "Soldaten - Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" zeigen sie an 150.000 ausgewerteter Gesprächsprotokollen deutscher Soldaten im 2. Weltkrieg die ganze Verrohung zu der ein Mensch in Extremsituationen fähig ist. - Und zwar in erschreckend kurzer Zeit: "Am ersten Tag ist es mir furchtbar vorgekommen. Da habe ich gesagt: Scheiße, Befehl ist Befehl. Am zweiten und dritten Tag habe ich gesagt: das ist ja scheißegal, am vierten Tag, da habe ich meine Freude daran gehabt." Es ist die pure Lust am Töten: "Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen", sagt einer der deutschen Soldaten. "Das prickelt einem ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen.“ - und ein anderer: "Die SS hat eingeladen zum Judenschießen. Die ganze Truppe, sind mit Gewehren hingegangen und zusammengeknallt. Hat jeder sich aussuchen können, was für einen er wollte." Der Rezensent Jobst-Ulrich Brand: Die Dokumente zeigen, wie schnell ehrbare Familienväter im Krieg zu Kinderschlächtern werden können, wie Ehemänner zu Vergewaltigern (…) die Nazi-Ideologie spielt für sie kaum eine Rolle. Sie passen sich an die Gepflogenheiten des Krieges an. Sie tun, was von ihnen erwartet wird. Auch wenn es ihnen selbst inhuman vorkommt. Insofern weisen diese Dokumente weit über die konkrete Situationen, den einzelnen Wehrmachtssoldaten hinaus. Sie zeigen, wie Soldaten ticken, in jedem Krieg. Ob im besetzten Frankreich oder heute im Irak und in Afghanistan.


Hutu und Tutsi haben dieselbe Sprache, dieselbe Religion, dieselben Bräuche, und Ruanda galt damals als die Schweiz Afrikas, ein kleines Land mit fleißigen Leuten, relativ wohlhabend, verhältnismäßig wenig korrupt, seit kurzem auf Druck des Westens ein Mehrparteienstaat. Die Verwandlung von braven Ackerbauern, Krämerladenbesitzern, Schulinspektoren, Pfarrern in Massenmörder geschah schnell und reibungslos. In drei Monaten brachten sie gegen eine Million Tutsi um. Sie töteten sie einzeln, meist mit einer Machete, manchmal mit einer Axt oder Keule. Leute mit Flair für Statistik haben vorgerechnet, dass es der effizienteste Genozid der Geschichte war, mit einer höheren Tötungskadenz als der hoch entwickelte Nazistaat mit seiner elaborierten Bürokratie, seinem Eisenbahnnetz, seinen Maschinengewehren und Gaskammern.“
Wolfgang Röhl über ein Buch von Eugen Sorg: Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist.


Quälen, Foltern, Töten - Eugen Sorg, Journalist, Psychotherapeut und Delegierter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, trägt Orgien der Gewalt zusammen, um zu beweisen, dass es sie gibt: die pure Lust am Bösen. Dass Menschen töten, foltern, quälen ist nicht das Resultat verkorkster Erziehung, charismatischer Herrschaft oder weltpolitischer Umstände, sondern findet ihre Ursache einzig und allein in einem Trieb, der als unkontrollierbare Kraft die moralische Grenze durchbricht. Und weil die Lust am Bösen Ursprung und Zweck in sich selbst finde, so schlussfolgert der Autor, sei Gewalt eben auch nicht heilbar.

Svenja Flaßpöhler / Deutschlandradio Kultur


Eugen Sorg: Die Lust am Bösen - Textauszug -> hier


Die islamistische Schabab-Miliz terrorisiert die Bevölkerung von Somalia seit Jahren, doch jetzt, in der schweren Hungersnot , wird ihre Brutalität erst richtig deutlich: Die Radikalen wollen keine Hilfslieferungen mehr zulassen. (…) 2,8 Millionen Menschen leiden in dem Herrschaftsgebiet der Schabab unter der Dürre. Trotzdem weigern sich die Militanten, überhaupt von einer Hungersnot zu sprechen. (…) Die Schabab kontrolliert große Teile Süd- und Zentralsomalias. Die Miliz, die Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida unterhält, hat die Macht auch in einigen Bereichen der Hauptstadt Mogadischu an sich gerissen. In ihrem Herrschaftsgebiet hat sie ein strenges islamistisches Regime durchgesetzt: Menschen werden mit öffentlichen Amputationen, Auspeitschungen und Steinigung bestraft. Als Grund dafür reicht es schon, Musik zu hören.

Extremisten stoppen Hilfe für Hungernde


Die C Company rückt in die Dörfer Xom Lang und Binh Tay ein, ein Platoon der B Company umstellt My Hoi, Siedlungen, die auf amerikanischen Militärkarten als "My Lai (4)" und "My Khe (4)" verzeichnet sind. Auf die GIs wird kein einziger Schuss abgegeben, Bewaffnete sind nirgendwo zu sehen, die GIs wissen vom ersten Moment an, dass ihnen Zivilisten gegenüberstehen. Die Bilanz nach zweieinhalb Stunden: Zwischen 490 und 520 Ermordete, einige sind erst wenige Wochen alt, manche im Greisenalter, die meisten sind Bauern mittleren Alters. Amerikanische Verluste: Keine. Erbeutete Waffen: Angeblich vier.

Bernd Greiner: Das Massaker von My Lai


Srebrenica war nicht nur eines der grausamsten Massaker der europäischen Nachkriegsgeschichte. Es markiert auch so etwas wie die Ursünde des Kontinents nach seiner Befreiung von Totalitarismus und Kaltem Krieg. Um sich in der eigenen Friedenseuphorie nach dem Sturz der osteuropäischen Diktaturen nicht gestört zu fühlen, ließ Europa die Mörder auf dem Balkan viel zu lange gewähren – bis zu dem Tiefpunkt, da niederländische Blauhelme die angebliche UN-Schutzzone Srebrenica den Milizen Mladics mit ruhiger, beflissener Korrektheit kampflos zur Abschlachtung freigab.

Richard Herzinger: Ratko Mladic und die historische Schande Europas


Heute, nachdem ich weiß, was ich weiß, denke ich: Wo hast du bloß all die Jahre gelebt?
In Wolkenkuckucksheim, in einer aufgeschäumten Latte-macchiato-Welt. Da waren zwei junge Männer, warum haben die mir nicht geholfen? Im Nachhinein muss ich fast lachen über meine Naivität. Doch es ist nicht nur Naivität, es sind die Spielregeln meiner Welt: Jung hilft Alt, Stark nimmt Rücksicht auf Schwach, Männer schlagen keine Frauen zusammen. ...) Auf der Höhe einer Laterne holen sie mich ein, schlagen mir von hinten auf den Schädel, ich falle zu Boden. »Wie ein Klappstuhl«, werden sie später in der U-Bahn feixen. Der zweite – den wir im Flur gesehen haben – tritt mir ins Genick, versucht so, die Tasche wegzureißen, die ich unter den Arm geklemmt habe. Bei anderen Überfällen hat er Frauen ungebremst ins Gesicht geschlagen. Vermutlich habe ich ihm die gebrochene Nase und die kaputten Zähne zu verdanken. Jetzt haben sie die Tasche, doch sie können nicht aufhören...

weiter hier: > Susanne Leinemann: Der Überfall


Obwohl sie permanent geschieht, ist Gewalt ein Tabu, jeder ist froh, wenn er nicht damit konfrontiert wird. Aber gerade wenn das eigene Leben kaum von Gewalt berührt ist, gibt es die perverse Sehnsucht danach - diese ganze Sensationsgeilheit. Im Fernsehen sieht man am liebsten Katastrophenbilder, in den Zeitungen schlägt man zuerst die Seiten mit den Unfällen und Verbrechen auf (...) Ich bezweifle, dass der Mensch seit seiner Zeit als Höhlenbewohner viel zivilisierter geworden ist. Wir haben dieselben Aggressionen und destruktiven Antriebskräfte, vielleicht sogar mehr davon. Nur dass wir sie nicht mehr im Alltag loswerden. Und die aufgestauten Aggressionen suchen sich Ventile.

Thea Dorn


The best is yet to come ! - Gegen die Schwarzmaler und Kulturpessimisten hat der der renommierte britische Zoologe, Soziobiologe und Autor Matt Ridley den Kampf aufgenommen. Seine Vision der modernen Welt ist voller Zuversicht, denn seit ihren Anfängen in der afrikanischen Savanne ist die Geschichte der Menschheit ja letztlich doch vom Erfolg gekrönt. Die Fähigkeit der schnellen evolutionäre Anpassung an die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts - Klimawandel und Überbevölkerung - wird der Spezies Homo Sapiens auch diesmal das Überleben garantieren. Sein neustes Buch - " The Rational Optimist" schließt mit dem Aufruf: "Wage es, ein Optimist zu sein!" - Tja, Optimisten sind sicher nicht schlauer als Pessimisten, aber vermutlich leben sie fröhlicher …


Italien ist heute ein Labor für das, was auch woanders geschehen kann. Und nicht eine sympathische oder lächerliche Ausnahme.

Roberto Saviano: Warum lieben viele Italiener Berlusconi?


Eigentlich hatte Silvio Berlusconi schon genug Gründe, auf seinen guten Kumpel Wladimir Putin neidisch zu sein. Anders als sein italienischer Kollege hat der russische Premier hohe Zustimmungswerte, die Aussicht auf eine Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2012 und einen Justizapparat, der ihn in Ruhe lässt, egal was er auch tut.

Konrad Putzier: Armee der 1000 Frauen würde nackt für Putin kämpfen


Goldman Sachs, das mächtigste Wall-Street-Haus, entledigte sich einer lästigen Zivilklage, wonach es Klienten um eine Milliarde Dollar betrogen haben soll, durch Zahlung eines läppischen Strafgelds von 550 Millionen Dollar. Die alten Strippenzieher verloren zwar meist ihre Jobs, sitzen aber längst wieder anderswo am Ruder - notfalls in der akademischen Welt, wo sie die neue Geld-Generation heranzüchten. Präsident Barack Obama - dessen Demokraten sich von der Tea Party aus der Macht kegeln ließen - sah zu, wie seine Finanzmarktreform rettungslos verwässert wurde, von der Bankenlobby und ihren Kongresshelfern. Die Hauptakteure der Krise blieben unbehelligt: Derivatenhändler, Rating-Agenturen, Mammutbanken. Auch die US-Kommission zur Aufklärung der Finanzkrise versagte kläglich. Unterdessen wurden Millionen Amerikaner aus ihren Eigenheimen geschmissen, von Zwangsvollstreckern, die Räumungsbescheide am Fließband produzierten (…)

Marc Pitzke: Von der Wall Street auf die Straße


Die Rettung der Welt ist Aufgabe der Politik. Die Ausbeutung der Welt ist Ökonomie. Ökonomen, die darüber diskutieren, wie man Europa retten könnte, sind - sorry - Idioten. Weil….das ist nicht deren Job. Deren Job ist, mit der Griechenland-Krise Gewinn zu machen.

Goodnight


Ein Jahr nach dem Erdbeben in Haiti leben immer noch 1,3 Millionen Menschen in Notunterkünften, darunter 380.000 Kinder. 3,7 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Nach Einschätzung seiner Nachbarn benötigt das Land etwa 10 Milliarden Dollar um wieder ein Staat zu werden. Etwa die fünffache Summe - also 50 Milliarden Dollar - will der kleine Wüstenstaat Qatar für die Ausrichtung der Fußball-WM 2022 investieren. Dafür müssen u.a. klimatisierte Stadien errichtet werden, weil im Emirat im Juni und Juli eine Durchschnittstemperatur von rund 50 Grad herrscht. Der unterhaltsame Spaß einer Fußballweltmeisterschaft dauert 4 Wochen, das Elend in Haiti sicher mehr als 4 Jahre…


Zig Milliarden Euro fließen als Entwicklungshilfe nach Afrika. Die Buchautorin Linda Polman erläutert, wie gut gemeinte Hilfe die Prostitution fördert und wie korrupte Machthaber Spenden missbrauchen:

Frage: Sie waren auch in Ruanda, wo 1994 radikale Hutu innerhalb von drei Monaten bis zu eine Million moderate Hutu und Tutsi ermordeten. Allein für die Soforthilfe, die daraufhin einsetzte, wurden anderthalb Milliarden Dollar zusammengebracht. Sie sagen, dass es eben dieses Geld war, das ein schnelles Ende des Krieges verhinderte.

Polman: Es gibt Beweise für diese These. Die Täter flohen nach dem Massaker ins benachbarte Goma im heutigen Kongo, ließen sich in den Lagern der internationalen Hilfsorganisationen nieder und regierten die Camps. Sie nahmen sich, was sie brauchten und kassierten eine Art Steuer von den Mitarbeitern der Organisationen. Von den Geldern kauften sie unter anderem Waffen. Die Spenden finanzierten also den Krieg.

Linda Pollmann: Die Mitleidsindustrie


Keti Gwenzadses Tante-Emma-Laden ist das einzige Geschäft in Tlugi, einem Bergdorf im Nordosten Georgiens. Die Region ist bitterarm, obwohl die raue Natur hier ein begehrtes Gut hervorbringt: Aus Tlugi und den anderen Dörfern nahe der Kleinstadt Ambrolauri kommen die Samen, aus denen vor allem deutsche und dänische Baumschulen die Nordmann-Tannen für das europäische Weihnachtsgeschäft züchten. Ihr Geschäft hat nichts gemein mit Tante-Emma-Läden im reicheren Teil Europas, von weihnachtlich herausgeputzten Geschäften in deutschen oder französischen Innenstädten ganz zu schweigen. In einem Holzregal stehen Fleischkonserven, Speiseöl und Toilettenpapier. Die Dosen mit Tomatenmark hat sie zu einer Pyramide aufeinandergestellt. "Damit es wenigsten ein bisschen schön aussieht", sagt sie. Im Haus des Dorfschullehrers Dato ist eine Weltkarte, aufgehängt im Wohnzimmer zwischen Regal und Kühlschrank, der einzige Wandschmuck. Dato hat sie mit in die Ehe gebracht. Die Sowjetunion ist rosa, die DDR grün, die Bundesrepublik gelb. "Manchmal stehe ich davor und frage mich, wie die Deutschen wohl Weihnachten feiern", sagt er. "Dann wünsche ich mir, dass sie etwas davon wissen,
wie arm wir sind und wie hart wir arbeiten, damit sie sich freuen können." - Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr 29 Millionen Tannen für 700 Millionen Euro verkauft.

Matthias Schepp und Dmitrij Beljakow: Tot unter der Tanne


Es könnten zwei kleine Freunde sein, die da friedlich Seite an Seite auf der Verkehrsinsel schlafen. Nur, die Augen des Hundes sind mit Fliegen zugedeckt, er dürfte seit Stunden tot sein. Das nackte Baby neben ihm, auf Lumpen gebettet und seltsam bleich unter der zarten braunen Haut, gibt Lebenszeichen von sich: In heftigen Zügen atmet es ein, was die Auspuffrohre der Lastwagen, Busse und Scooter-Rikschas ihm ins Gesicht blasen. Ein auf den Fersen hockender Jüngling daneben repariert etwas, das eine Taschenlampe sein könnte, und beachtet den Säugling nicht; offensichtlich der Vater. Am nächsten Morgen bietet die winzige Verkehrsinsel ein verändertes Genrebild – das Baby jetzt mit bettelnder Mutter, ohne den toten Hund. (…) Es gibt Diplomaten, Entwicklungshelfer, Firmenvertreter – Ausnahmen, gewiss –, die Indien schon nach ein paar Tagen abrupt verlassen: weil die blutroten Spritzer der Betelspucke im frisch geweißelten Treppenhaus, das Spalier der sich entblößenden Leprakranken vor dem Hindutempel, die erbärmlich an einem Plastikfetzen würgende Kuh neben dem Abfallhaufen oder die Augen unterernährter Kinder beiderseits der Bahnstrecke sie bis in den Schlaf hinein verfolgen. „Going native“ ist die Lösung: Wer die ersten Schocks weggesteckt hat und sich akklimatisiert, wird selbst ein wenig Inder, wird wie der Mittelstand der Villenviertel. Man blendet alles Ekelhafte, Entmutigende oder Deprimierende aus, nimmt es nach einer Weile tatsächlich nicht mehr wahr. (...) Jeder vierte Erdenbürger unter 25 ist Inder. Die Bevölkerung im „wirtschaftlich aktiven“ Alter soll in 20 Jahren um weitere 270 Millionen anschwellen. Auch wenn die Geburtenrate dann flacher wird: 1,6 Milliarden Menschen stellen eine Monstrosität dar, wenn längst keine Aussicht mehr besteht, allen heutigen Indern Arbeit und Brot im eigenen Land zu bieten. (…) Die Regierenden und die Wirtschaft suchen ihr Heil nun in der Vollmotorisierung. Die Zahl der Autos und Lastwagen soll bis 2015 verdoppelt werden. Bis 2030 will Indien – nach China und den USA – die drittgrößte Autonation der Erde sein. Zu diesem Zweck werden schon einmal 20 Milliarden Euro in den Bau von Autobahnen und Schnellstraßen investiert.

Carlos Widmann: Illusion Wachstum


The best is yet to come ! - Gegen die Schwarzmaler und Kulturpessimisten hat der der renommierte britische Zoologe, Soziobiologe und Autor Matt Ridley den Kampf aufgenommen. Seine Vision der modernen Welt ist voller Zuversicht, denn seit ihren Anfängen in der afrikanischen Savanne ist die Geschichte der Menschheit ja letztlich doch vom Erfolg gekrönt. Die Fähigkeit der schnellen evolutionäre Anpassung an die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts - Klimawandel und Überbevölkerung - wird der Spezies Homo Sapiens auch diesmal das Überleben garantieren. Sein neustes Buch - "The Rational Optimist" schließt mit dem Aufruf: "Wage es, ein Optimist zu sein!" - Tja, Optimisten sind sicher nicht schlauer als Pessimisten, aber vermutlich leben sie fröhlicher


Der gewöhnlich intellektuell unterschätzte Stammtisch fragt sich sehr wohl, wie der Sozialstaat in Zukunft finanziert werden soll. Er kennt die Demografie und weiß, dass die Staatsverschuldung wachsen muss, sollen die Sozialstandards erhalten werden. (…) Dabei konterkariert eine Transferleistung die andere. So wird einerseits die „bildungsferne Schicht“ in einer Weise finanziert, die die Motivation für all die neuen Bildungsangebote unterminiert, deren Kosten der Sozialstaat ebenfalls trägt. Die Politik handelte immer so, als ob ein Katalog von Sozialleistungen linear eine entsprechende Liste von sozialen Problemen löst. Aber das Sozialsystem reagiert wie ein ökologisches System, bei dem jede Intervention systemische Folgen an anderen Stellen provoziert. So hebelt die Finanzierung von „Bedarfgemeinschaften“ nach Hartz IV die familiären Bindungen aus, die wiederum die Familienpolitik unterstützt.
Umso verhängnisvoller ist die gesetzliche Verankerung: Leistungsgesetze sind irreversibel. (…) Da unser Armutsbegriff relativ ist, gibt es eine Zunahme an Armut nicht trotz, sondern wegen des steigenden Lebensstandards. Und nur ein altersgrimmiger Helmut Schmidt darf knurren, dass es den heutigen Armen besser geht als den Facharbeitern zu seiner Zeit.Das Bild, das die Armutsforscher auf Dauer installieren, ist verheerend: Die Armut wächst, obwohl der Sozialstaat immer teurer wird. Mithin scheitert er.

Klaus Hartung


Die einkommensbezogene Ungleichheit auf der Welt nimmt eher ab als zu: Das ist doch mal eine gute Nachricht. Der Maßstab, an dem das gemessen wird, ist der sogenannte Gini-Koeffizient. Er liegt zwischen dem theoretischen Wert Null (alle Bewohner eines Landes verfügen über dasselbe Einkommen) und dem Wert hundert (eine einzige Person verfügt über das gesamte Einkommen eines Staates). In den USA und einigen anderen westlichen Ländern ist die Gini-Koeffizient zwar zum Teil drastisch gestiegen, aber weil bevölkerungsreiche Staaten, die einst sehr arm waren – China, Indien – ein anhaltend hohes Wirtschaftswachstum haben und dadurch den Abstand zu den reichen Industrienationen verringern konnten, herrscht global gesehen der Trend zu immer größerer Gleichheit. (...) Das britische Magazin „Economist“ berichtet in seiner jüngsten Ausgabe, dass erstens die Kluft zwischen Arm und Reich im internationalen Maßstab kleiner statt größer wurde und dass zweitens Ungleichheit nicht die zentrale Ursache für soziale Probleme ist (die Mordrate in den USA etwa hat vor allem mit den liberalen Waffengesetzen zu tun, während der Hauptgrund für die lange Lebensdauer der Japaner ihre gesunde Ernährung ist).

Malte Lehmig: Reichtum für alle


Verengt man nämlich den Blick auf Staatsschulden und staatliche Misswirtschaft, lenkt man vom dem Thema ab, bei dem man sofort auf eigene Fehler stoßen würde. Wer Leistungsbilanzungleichgewichte, also die Verschuldung des ganzen Landes zum Thema macht, kommt nicht umhin zuzugeben, dass Außenhandelsdefizite der einen etwas mit Außenhandelsüberschüssen der anderen zu tun haben.
Zu viele Politiker (auch solche, die jetzt in der Opposition sind) einschließlich ihrer wissenschaftlichen Berater sind am Kern der Krise, der jahrelangen Politik des Gürtel-enger-Schnallens in Deutschland, unmittelbar beteiligt. Das zu begreifen geschweige denn offen zuzugeben, um einer tragfähigen Lösung nicht länger im Wege zu stehen, ist offenbar unmöglich. Daneben vertritt die deutsche Politik diese Position auch deswegen, weil sie auch in Zukunft nicht von den Nettoexporterfolgen der deutschen Industrie lassen will und das erfordert nun mal das Beibehalten der Wettbewerbsvorsprünge vor den Schuldenländern. Die jüngsten Außenhandelszahlen belegen, dass Deutschland den europäischen Konkurrenten weiter kräftig überlegen ist.

Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker: Kopflose Politik und führungslose Märkte


Keynes - von der Freudschen Psychoanalyse tief beeindruckt - erblickte im Geldhorter einen Perversen, der den gesellschaftlichen Austausch unterbindet; indem er das Geld zurückhält, das die in ihm verkörperten sozialen Beziehungen belebt. Der »sanfte Tod des Rentiers« sei deshalb nicht bloß eine Option - sondern vielmehr eine Frage der öffentlichen Sicherheit. Den Strick, den sich die Marxisten für derartige Fälle in der Schublade vorrätig hielten, könne gleichwohl ungenutzt darin verbleiben, denn effektiver Nullzins und chronische Zahlungsausfälle würden den Job auch so erledigen. Die Trias aus Zinstief, Zahlungsausfall und Inflation müsse schließlich auch den dümmsten Rentier zur Einsicht bringen, dass er größeren Nutzen daraus zieht, wenn er sein Geld im Konsum verjubelt. Heute wissen wir: Keynes lag falsch. Sparen ist populär wie eh und je, Sparen ist politisch erwünscht. Und damit das so bleibt gilt die Maxime: Marmor, Stein und Eisen bricht, aber griechische Staatstitel bestimmt nicht! Falsch lagen aber auch Heine und sein Kumpel Rothschild, denn die Geldadeligen unserer Tage teilen damit keineswegs das Schicksal ihrer bodengebundenen Vorfahren: Ihre Kurzsichtigkeit bleibt ungestraft, ihre Unfähigkeit wird zementiert.

Thomas Strobl: Heinrich Heine war ein Grieche


Jeder Mensch trachtet danach, Reserven zu horten, um zu überleben, er sucht sie irgendwo wegzunehmen, schließt sich zu diesem Zweck mit anderen zusammen, organisiert und legitimiert den Akt der Entwendung. Taktieren, Betrug, Mord und Weltzerstörung sind bisweilen die Folgen solcher Habgier. Eine Gesellschaft ohne Überlebenstrieb und Habgier lässt sich nicht vorstellen. Wir sind Menschenfresser. Die Moderne gewährt zugleich Schonung, sie deckt den Einzelnen mit seinen schrecklichen Neigungen im organisatorischen Gefüge der Gesellschaft. Der Person, die er erfolgreich beraubt und vernichtet, muss der Einzelne meist nicht begegnen, dennoch bricht nach der Tat mit elementarer Gewalt ein Gefühl von Beklemmung über ihn herein.

Péter Nádas


Was den Holocaust angeht, bedeutet das: Es wäre besser, den nächsten zu verhindern, statt immerzu den letzten zu beklagen. Das wäre freilich mühsam, und es würde einiges kosten - etwa vier Milliarden Euro. Das ist der Wert der deutschen Exporte in den Iran im Jahre 2010. Wer die Auftritte des iranischen Präsidenten verfolgt, kann nicht daran zweifeln, was er meint, wenn er Israel ein "Krebsgeschwür" nennt, das beseitigt werden müsse. Die Experten sind sich nur nicht darüber einig, ob Ahmadinedschad Israel "von der Landkarte ausradieren" oder nur "von den Seiten der Geschichte" entfernt sehen möchte. Derweil machen deutsche Firmen Geschäfte mit dem Iran, geben deutsche Künstler Gastspiele in Teheran, setzen deutsche Politiker auf Wandel durch Annäherung.

Henryk M. Broder


Eine der wichtigsten Untersuchungen zur Zukunft der westlichen Industrieländer hat - beginnend vor 7 Jahren - der amerikanische Politikwissenschaftler

Robert D. Putnam unternommenn: "Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community". Putnam befasst sich mit der größten gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit: den Bedingungen für eine kulturelle Diversität und den Voraussetzungen für einen erfolgreichen Multikulturalismus. Dem Soziologen fiel auf, dass fast 60 Millionen Amerikaner in ihrer Freizeit "Bowling" spielen, sich dabei aber immer seltener einer Gruppe oder einem Verein anschließen - daher der Titel: "Bowling Alone". Schon in seinem 1993 erschienen Werk "Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy" ging er am Beispiel Italiens der Frage nach, warum dort die lokale Demokratie in einigen Regionen gut und in anderen schlecht funktioniert. Dabei entdeckte er die Gesangvereine und Fußballclubs: je mehr es davon gab, umso besser waren auch Politik und Verwaltung. Wie sein amerikanischer Kollege
Samuel P. Huntington oder den deutschen Wissenschaftlern Stefan Luft, Ulrich Beck und Wilhelm Heitmeyer sieht Putnam im Individualisierungsprozess der spätmodernen Gesellschaft einen Verlust von gewachsenen sozialen Milieus und Lebensformen mit der Folge einer gefährlichen sozialen Entmischung. Auch der polnische Soziologe Edmund Wnuk-Lipinski am Beispiel seines Heimatlandes auf, wie sich umgekehrt die polnische "ethische Bürgergesellschaft" als ein "außerordentlich wirksames Instrument der gesellschaftlichen Emanzipation gegenüber dem kommunistischen Regime" erwiesen hat. Deshalb sollte eine Gesellschaft, "in der ethische Normen das ausschlaggebende Handlungsmotiv der sich für öffentliche Belange einsetzenden Bürger bilden – und eben nicht bestimmte Einzel- oder Gruppeninteresse", (s. Stephan Raabe) Die Auffassungen dieser Soziologen stehen damit dem Überlegungen Max Webers nahe, der in der protestantisch-calvinistischen Ethik die Basis für den Aufstieg der westlichen Industrienationen sah. Putnam erweitert diesen Gedanken indem er z.B. in einer zu freizügigen Einwanderungspolitik die Ursache für die schleichende Entsolidarisierung der anerikanischen "couch potatoe society" sieht. Je heterogener die ethnisch-kulturelle Zusammensetzung einer Gesellschaft ausfällt, umso stärker nimmt das Vertrauen und das gegenseitige Interessse unter den Bürgern ab. "Nicht nur, dass wir Mitbürgern nicht trauen, die anders sind als wir – wir trauen auch denjenigen nicht mehr, die aussehen wie wir." Um sich nicht dem Vorwurf des Rassismus auszusetzen hat Putnam, der sich selbst als einen "Liberalen" sieht - einige seiner Äußerungen relativiert, aber am Leitgedanken, demzufolge eine Nation nur dann eine Zukunft hat, wenn ihre Bürger sich untereinander vertrauen und gemeinsame ethische Grundsätze verfolgen - hält er fest. In den zunehmend multikulturell – multiethnischen Gesellschaften wird diese Kooperation und Partizipation aber zunehmend schwieriger, denn wer in seiner unmittelbaren Umgebung nur noch "Fremde" sieht, verliert die Lust sich einzubringen und zieht sich auf seinen Fernsehsessel zurück. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die Beschleunigung aller Lebensabläufe, durch die zunehmende weibliche Erwerbstätigkeit, durch die global zu beobachtende Verstädterung und ganz entscheidend natürlich durch die Reizüberflutung der Medien: Bereits 40 Prozent seiner Freizeit verbringt der Durchschnittsamerikaner vor dem Fernseher, aber das allein ist nicht schlimm genug, denn: "Wir sehen nicht einmal mehr gemeinsam fern. Jeder schaut für sich allein."

siehe auch:

Im Käfig - Rudolf Maresch: Das eigentliche Amerika - Todsicher in der Isolation - Lieber Herr Gesangsverein - Stephan Raabe: Transformation und Zivilgesellschaft in Polen - Bandenkriege in den USA - Niedergang des sozialen Kapitals - Rezension von Hans W. Giessen - Wikipedia: Soziales Kapital - Soziale Netzwerke und soziales Kapital - Soziales Kapital, sozialer Zusammenhalt und soziale Ungleichheit


Nach Ansicht des Soziologen Gunnar Heinsohn bedeuten die hohen Geburtenraten in den islamischen Ländern die größte Gefahr für den Weltfrieden. Hier zwei sehr sehenswerte Ausschnitte aus einer Fernsehdiskussion im Dezember 2009

> Demografie und Krieg (Link anclicken!)


Das Niedersinken am Kreuz, welches Nietzsche an Wagner so verzweifelt rügte, jenes unter die Fittiche Christi schlüpfen, sich nicht mehr allein dem Gegenwind aussetzen, endlich zur Gemeinde gehören, hat viel gemein mit dem Nachgeben gegenüber dem Druck des aktuellen Zeitgeistes. Warum nicht das Knie beugen und das Mantra mitmurmeln: Alle Menschen sind gleich, es gibt keine Plebs, Genie ist ein Mythos, keine Kultur ist der anderen überlegen, die Demokratie ist das Endziel der Geschichte, der Holocaust kann mit keinem anderen Verbrechen verglichen werden, der Kommunismus war wenigstens gut gemeint, der Geschlechtsunterschied ist ein soziales Konstrukt, Gewalt löst keine Probleme, Verbrechen haben ausschließlich soziale Ursachen, die Klassiker waren Rassisten, Sexisten, Nationalisten und „Wegbereiter“ und die deutsche Geschichte bis 1945 ein Irrweg...

Michael Klonovsky


Fritz J. Raddatz [schildert in seinen Tagebüchern] eine Welt, die an eine Vorhölle erinnert und deren Insassen sich hingebungsvoll gegenseitig zerfleischen. Und er sieht nicht nur mit gellender Schärfe, wie sich eine Elite in eine beißwütige "Lemurenversammlung von has-beens" verwandelt, er weiß auch genau warum, und bei diesem Warum fragt man sich, ob Dekadenz ein anderes Wort ist für innere Leere. Immer wieder benutzt Raddatz die Spiegelmetapher, um seine Begegnungen mit den Protagonisten des kulturellen Lebens zu beschreiben: Keiner hört zu, keiner hat die Bücher oder die Artikel des anderen gelesen, alle reden nur von sich selbst, jeder sein eigener Lautsprecher und verbale Niagarafall, das Ganze "eine erstarrte Ich-Ich-Ich-Feier". Im Grunde sind all diese Treffen karrieristisch motiviert, es geht darum, den eigenen Marktwert zu ermitteln und seinen Platz in der Hackordnung zu verteidigen. Es sind Distinktionskämpfe, und da wird selbst der Streit um das einzige Taxi zu einer Statusprobe.

Ch. Schmidt in einer Rezension zu den Tagebüchern von Fritz J. Raddatz - siehe auch: Hellmuth Karasek: Er hätte das Zeug zu einem deutschen Capote gehabt und Florian Illies / Ijoma Mangold: Wie sollen wir uns an Sie erinnern, Herr Raddatz?


Peter Hartz und die brasilianischen Bordellbesuche der VW-Gewerkschafter, der Fall Michel Friedman, Beckenbauer, Israels Präsident Moshe Katzav, Berlusconi, die Berliner Ausflüge des Horst Seehofer, Mehrfach-Ehen nach dem Schröder-Fischer-Modell, das Beziehungs-Karussell zahl-reicher Prominenter, die es sich leisten können, Partnerschaften durch frische Partner frisch zu halten… Degenerierte Eliten, könnte man einwenden. Mag sein, aber es ist eben auch ein Hinweis darauf, dass Männer, wo sie Gelegenheit dazu haben, eine Triebstruktur ausleben, die in den akzeptierten Vorstellungen niveauvoller Partnerschaft kaum vorkommt. Und es sind nicht nur „die da oben“: Deutsche Hurenverbände (keine Schmähung, so nennen sie sich selbst) gehen von 1,2 bis zwei Millionen Besuchen bei Prostituierten täglich aus. Bei geschätzten vierzig Millionen deutschen Männern wären das bis zu fünf Prozent.

Ralf Schuler: Männer, Macht und Moral


Der Starbanker Edouard Stern wird 2005 von seiner Mätresse erschossen. Sie wollte den ultimativen Liebesbeweis im Wert von einer Million Euro – er nannte sie Hure (…) Cécile Brossard, die schmale Blonde, arbeitet als Serviererin in der Maxim’s-Filiale am Pariser Flughafen Charles de Gaulle. Manchmal begleitet sie wohlhabende galante Herren zum Dîner. An einem dieser Abende, im Jahr 2001, begegnet ihr Edouard Stern. Ein charismatischer Typ, fast zwei Meter groß, mit bernsteinfarbenen Augen, kultiviert, charmant, verführerisch. Ein Prinz der Hochfinanz und erfolgsverwöhnter Banker, Teil der französischen Geld- und Bildungselite. Zunächst Chef der familieneigenen Banque Stern, dann ab 1997 Direktor der Investmentbank Lazard. Nicolas Sarkozy zählt als Bürgermeister von Neuilly-sur-Seine, später als Minister, zum engeren Freundeskreis. (…) Der „Mozart der Finanzwelt“ begehrt Cécile Brossart – sie wird seine Domina, Mätresse, Geliebte. Die ersten Monate verlaufen harmonisch. Sie hört mit dem Kellnern auf und avanciert zum Luxus-Callgirl. Stern umgarnt sie, spendiert ihr Kleider, bringt ihr bei, wie man Großwild jagt, in Sibirien, Kenia oder Tansania. Er spielt gern mit Waffen, am liebsten beim Russisch-Roulette. Wenn sie einmal ein Rendezvous verweigert, ist Stern tief betroffen und weint. Er braucht sie sexuell – sie träumt von Heirat. Stern führt kein Doppelleben, Cécile Brossart wird nicht versteckt, sondern bei Abendessen und auf Geschäftsreisen präsentiert. Aber das reicht ihr nicht…

Maxi Leinkauf: Dieses eine Wort


Alle Leidenschaften und Strebungen des Menschen sind Versuche, eine Antwort auf seine Existenz zu finden, oder man könnte auch sagen, sie sind der Versuch des Geisteskrankheit zu entgehen

Erich Fromm


Menschen sind in unterschiedlichem Maß genetisch darauf programmiert, mehr oder weniger glücklich zu sein. Nur eines ist allen gleich: Zufrieden mit sich ist der Mensch nur, wenn er mehr erreicht als andere. Die Gründe dafür sind biologisch, sie liegen in unserer Natur. Wir können es schon bei Affen sehen: Wenn ein Affe weniger bekommt als ein anderer, kann er ziemlich sauer werden. Das ist auch ein Grund, warum Reichtum und Wohlstand nicht unbedingt zufriedener machen (...)

Daniel Kahneman


Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. […] Es ist die Masse allein, in der der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst werden kann. Vier Eigenschaften charakterisieren sie:

- Die Masse will immer wachsen.
- Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit.
- Die Masse liebt Dichte.
- Die Masse braucht eine Richtung.


Elias Canetti


Der Untergang des weißen Mannes, wie er sich auch im »Kampf der Kulturen« deutlich abzeichnet, hängt auf kategorielle Weise mit dem religiösen Vakuum zusammen, das wir zwar seit Feuerbach und Heine mit wechselnden Ersatzreligionen anzufüllen verstanden, zum Beispiel mit »Kultur«, »Nation«, »Wiederaufbau«, deren letzte jedoch, die »Freiheit des Westens«, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks eine Leerstelle zurückgelassen hat, die mit Spaßkultur nur vorübergehend zu besetzen war.
Noch nie war unser Wertehorizont so leergewischt wie heute, noch nie waren wir als Vertreter einer spätdekadenten Zivilisationsstufe, von der man bereits in den USA kaum eine Ahnung, erst recht keinen Begriff hat – noch nie waren wir so hilflos angesichts außereuropäischer Herausforderungen wie heute. (...) Die Brutalität des vitalen Lebens, keinerlei Rücksicht auf die moralischen oder gar ästhetischen Standards eines Alten Europäers nehmend, diese ungebremste Wildheit des Willens, die sich nicht selten in schierer Gewaltanwendung Bahn brach – durfte ich sie als Mangel an Kultur verachten? Oder hatte ich sie als Überschuss an Vitalität zu bewundern, angesichts dessen ich von vornherein den Kürzeren zog? Dass man sich nach ein, zwei Stunden Schlangestehen um ein Brot schließlich um den Einlass in die Bäckerei prügelte, konnte ich noch verstehen; dass man das auch um einen Sitzplatz im Bus tat, schien auf mehr zu deuten als den puren Kampf ums Überleben, auf einen Kraftüberschuss zumindest, von dem man sich im saturierten Europa keine Vorstellung macht. (...) Die Aggressivität, die den Turbokapitalismus in Fernost so erfolgreich und für uns so bedrohlich macht, lässt nur unter Alkoholeinfluss kurz die Maske sinken: »Natürlich wollen wir die Welt beherrschen!«, hört man dann von betrunknen japanischen Managern, ihr ökonomischer Größenwahn sattelt auf einem bestürzend ungebrochnen nationalen Sendungsbewusstsein, einem ungeschmälerten Stolz auf die eigne »überlegene« Kultur. (...) Wo sonst in der Welt wird man so voller Verachtung gemustert, als Vertreter einer gottlosen Gesellschaft von Schlappschwänzen und Huren (wie man sie aus »schamlosen« Filmen und Videoclips zu kennen glaubt), wie in Marokko? Das Bestürzende an solchen Reiseerlebnissen ist jedoch weniger die Scham angesichts einer ungebremst sich inszenierenden Virilität, sondern die kulturelle, besser: weltanschauliche Schwäche, die wir nebenbei bitter zu fühlen bekommen. Denn selbst der aufgeklärte Muslim handelt ja aus einer kohärenten Weltanschauung heraus, hat die Wahrheit schon immer, die wir als Individualisten von Fall zu Fall erst suchen müssen: eine Hase-und-Igel-Konstellation, bei der wir von vornherein als tendenziell Irrende dastehen

Matthias Politycki: Weißer Mann – was nun?